Das Sinnan-Maloca-Projekt auf dem Pawentiga in Brasilien

Pawentiga 01

Ein Modell, das indianisches traditionelles Leben fördert und für einen Weg in die Zukunft kämpft

Der Kampf um die Reservate der Erde verschärft sich – Ein Ort der Hoffnung braucht unsere Solidarität
An der Grenze zum Mato Grosso leben die Paiter Suruí in einem noch relativ intaktem Regenwald in ihrem Reservat. Sie bewohnen ein Territorium von 249.000 Hektar Größe zwischen 10° 44’39“ und 11° 15’00“ Länge, teils im Bundesstaat Rondonia, teils im Mato Grosso gelegen.
Noch macht eine fortschreitende Zerstörung der ursprünglich intakten Urwaldgebiete Halt an diesem Reservat. Zumindest nach dem Gesetz ist Weißen hier ein Halt verordnet. Das hindert die Holzmafia, aber auch Goldsucher und Raubfischer nicht, permanent nach Möglichkeiten zu suchen, im Dickicht des Waldes die juristische Sperre zu umgehen. Erleichtert werden ihnen diese kriminellen Wege, wenn Kazikes, Führer des indigenen Stammes, Kooperationsgemeinschaft mit ihnen zeigen, weil sie selbst an den schnellen wie trügerischen Profiten des illegalen Holzhandels interessiert sind?
Wie lange also hält die Grenze noch, die den „Fortschritt“ der Waldvernichtung aufhält?

“1973 kam ich hier an“, schreibt Aimoré Cunha da Silva, brasilianischer Umweltschützer – und fährt fort: “ Wenn ich damals über diese Gebiete flog, sah ich nur Wälder, Wälder, Wälder. Ich hatte damals nicht die leiseste Ahnung, dass diese riesenhaften Waldgebiete so schnell zerstört werden könnten“.
Außerhalb der indianischen Reservate ist für die globalen Sägewerke kein Edelholz mehr zu holen. Wer das Geschäft machen will, muß die Bäume, und zwar illegal, in den indianischen Gebieten schlagen – mit oder ohne Zustimmung der Indios.
Für beide Seiten geht es um viel Geld, für die Surui aber um noch viel mehr: ihre Kultur, ihr Dasein um ihr Weiterleben schlicht – gegen ihre Auslöschung.
An dieser Grenze, zwischen den Kulturen, stehen die Malocas* die in den Jahren 1998-2004 im traditionellen Langhausstil durch den Einsatz von SINNAN e.V. finanziert und zusammen mit den Suruí gebaut wurden.

Die Malocas bilden den Mittelpunkt des Projektes auf dem Pawentiga*, an der Linha 12* gelegen, einer Seitenstraße der Bundesstraße 364, die gegen den Willen der indigenen Bevölkerung in den 1970er Jahren vom brasilianischen Staat quer durch die Indianerreservate gebaut wurde.
Das Pawentiga-Projekt konnte mit intelligentem Widerstand bis heute die Desmatamento, die Regenwaldzerstörung an diesem Ort aufhalten.
Im Folgenden berichten wir von diesem Ort des Kontaktes, einem Ort der Hoffnung in Brasilien. Vielleicht ist es noch nicht zu spät! Sie können dabei sein und hier mitwirken.

Pawentiga 05

„Der Kampf um Madeira** bleibt das Thema – und die Linha 12 organisiert ihn“
Im Jahr 2004 dringen Hunderte Diamanten- und Goldsucher an den Grenzen des Surui-Gebietes auf das Territorium des Nachbarstammes der Cinta Larga vor. Die Weltpresse berichtete damals von den derzeit größten Diamantenfeldern der Welt unter dem Titel „Blutige Diamanten“ über diesen Vorfall. Während die Cinta Largas sich der Invasion der Garimpos (Diamantensucher) erwehren musste und -bereits 2004- zweiunddreißig von ihnen mit traditionellen Waffen tötete, bleibt für die Surui die Bedrängnis durch die Motorsägen in nicht minderer Schärfe aktuell.
Mit der Unterstützung des Pawentiga-Projektes organisierte Anine Surui* mit seinem Clan Makor (an der Linha 12) seit den kritischen Jahren 2004-2006 eine engmaschige Bewachung der Waldgebiete. In zahllosen Gesprächen, auf Versammlungen und den traditionellen Veranstaltungen des Projektes gelang es ihm, den verlockend hohen Angeboten der Holzfirmen, mit denen versucht wird, den indianischen Widerstand in den Reservaten zu brechen, einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Die Holz-Mafia schreckte gegenüber dem Surui-Führer nicht vor Morddrohungen zurück. Trotz seines hohen wie gefährlichen Einsatzes sind bislang etwa tausend Kubikmeter Edelholz aus den Gebieten anderer Clans illegal aus dem Reservat geschafft worden.
Der zunehmende Druck auf die Grenzen der Indianer-Territorien durch Diamantensucher und Waldzerstörer, aber auch plötzlich wieder einsetzende altbekannte- und seit der Kolonisierung erlittenen Zivilisations-Krankheiten und schlußendlich die Gleichgültigkeit des Gesundheitsministeriums den massiven Problemen des Stammes gegenüber machte dem gesamten Stamm die neue Krise deutlich, in der er sich befindet.
In dem Bewusstsein, erneut unter dem Druck einer Kolonialisierung durch Interessengruppen der weißen Gesellschaft zu stehen, gründeten die Clans der Surui das Forum das Organizacoes do povo Paiter Surui de Rondonia (Forum der Organisation der Angelegenheiten des Surui-Volkes in Rondonia) zur Verteidigung ihrer Rechte.
Mit der Blockierung des „Highways von Rondonia“, der BR 364, im Februar 2006 – bei dem der gesamte Personen- und Güterverkehr des Bundesstaates Rondonia für einige Tage zusammenbrach- machte diese Indianer-Vereinigung die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, „wie spät“ es ist, wenn man die Welt aus dem Blickwinkel des Zustandes der Natur und der Rechte der indianischen Nationen in Rondonia sieht.
** Holz, betr. das Problem der Abholzung

Pawentiga Suruí am Rio Lobo

“Im Reservat der Suruí am Rio Lobo”

„Anine lernte das Schnitzen der Pfeile als fünfjähriger Knabe – sein Sohn Júlhio Naraykosar lernt es durch Pawentiga“

Das Projekt Pawentiga* („Ort des Kontaktes“) wird gemeinsam verantwortet von SINNAN und der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, Luxemburg. Es befindet sich im Dorf des Clans Makor, dort, wo es 1969 zum ersten Kontakt der Surui mit den Weißen Francisco und Apoiena Mireilles kam.
Das Projekt will mithelfen, das alte Wissen der indianischen Völker in dieses Jahrtausend zu retten. Es schlägt die Brücke zwischen Tradition und Moderne, an der Grenze, wo sich heute beide Kulturen erneut gegenüberstehen. Praktisch geschieht dies in den neu erbauten Malocas, in denen indianische
Lehrer das Wissen des Stammes in regelmäßigen Unterrichtszyklen
an die Kinder und Jugendlichen aller vier Clans: „Makor“, „Kabam“, „Gameb“ und „Gamir“ weitergeben. Da in der indianischen Weise gelehrt wird, durchdringt Pawentiga alle Generationen des Stammes, z.Bsp. wenn das Lernen und Üben mit den großen traditionellen Festen verbunden wird, die von allen gemeinsam gefeiert werden..
Durch die Bereitschaft der Spender und Institutionen aus Europa und Amerika wurden die finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen, ohne die dieses Projekt nicht denkbar gewesen wäre. In der Einheit von materieller Unterstützung, menschlicher Offenheit und Absichtslosigkeit von unserer Seite, können die einst durch den ersten Kontakt zerstörten Brücken der Begegnung heute wieder aufgebaut werden.

Pawentiga praktiziert einen lebendigen traditionellen Unterricht mit diesen Schwerpunkten:
– Die Bedeutung der großen Feste verstehen und feiern
– Herstellen von Schmuck, Keramik, Geflechten und traditionellen Waffen (Pfeil und Bogen), ausschließlich mit den Materialien das Waldes
– Pflanzen: Sammeln und Kennenlernen der Heilpflanzen
– Früchte und Pflanzen des Waldes auf langen Wanderungen im Walde sammeln (Nahrungssuche)
– Initiationen zum Mädchen- und Junge sein – bewusste Auseinandersetzung mit der weißen Kultur
– Religion, Mythen und Geschichten des Volkes, sowie die Auseinandersetzung mit der jüngeren, für die Surui traumatische Geschichte der Kolonisierung
– Die indigene Sprache sprechen

Pawentiga fördert indianische Lehre und Lehrer
Mit der Finanzierung eines Surui- Lehrers und der Traditionsschule fördern wir modellhaft „mehr indianischen Unterricht in Brasilien“, was vom Gesetz her zwar angelegt, aber in der Praxis noch bei weitem nicht umgesetzt wird. Ist ein Modell kreativ, findet es, wie in unserem Fall, eher Beachtung und kann vom Staat gefördert werden.

„Lehrlinge des Regenwaldes“: Pawentiga bringt beide Kulturen zusammen
Nach den Surui-Kindern, den primären „Lehrlingen des Regenwaldes“ am Pawentiga, wird SINNAN mit der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in Luxemburg in Zukunft auch jungen Menschen und Erwachsenen aus Europa, die sich für diese Kulturbegegnung interessieren, Reisen nach Brasilien als „Lehrlinge des Regenwaldes“ ermöglichen.
Wie bedeutsam dieser Austausch für beide Seiten ist, verkündete die Indianer-Forscherin Maria do Carmo von der PACA* nach Fertigstellung der Malocas mit dem Blick auf das zukünftige Pawentiga- Konzept bereits 2003: „Der Bau der Malocas ist der Anfang eines Traumes, den die Surui seit der Besetzung ihres Landes durch Siedler vor 35 Jahren träumen, nämlich, wieder aus ihren Wurzeln, aus ihrer eigenen Kraft leben zu können. Das Wichtigste der Maloca ist, dass sie aus zwei Kulturen zusammenkommt. Das wird sich positiv auswirken auf die Kinder und Jugend der Paiter Surui“.

* LEXIKON der indianischen und brasilianischen Begriffe
Linhas = unbefestigte, wie mit dem Lineal gezogene Strassen, die in entlegene Gebiete führen
Maloca = Indianisches Sippenhaus aus der Zeit der Stammeswanderungen; für das Projekt wurden zwei davon nachgebaut
Paiter Suruí = indianisch. Der Name dieses Stammes bedeutet „wahre Menschen“ oder „Wir selbst“
Pawentiga = „Ort des Kontaktes“ in der Suruí-Sprache. Bezieht sich auf die Stelle, an der es 1969 zum ersten Kontakt mit Weißen kam. Jetzt Name des Sinnan-Projektes zur Stärkung der Identität der Suruí; befindet sich im Suruí Reservat im Dorf des Clan Makor, unter der Führung von Anine Suruí.
Aldeia = „Dorf“. Der Platz, auf dem ein Clan im Walde lebt